Reformierte Kirchen im Aargau

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Aarau
Das Verkündigungsfenster im Chor von Felix Hoffmann

Die Verkündigung

In der abendländisch-christlichen Bildtradition gehört die Darstellung der Verkündigung an Maria nach Lukas 1,26-38 zu einem der am häufigsten dargestellten Bildtypen. Die Verkündigungsikonographie zeigt den Erzengel Gabriel, der mit der frohen Botschaft zu Maria kommt, traditionellerweise als von links kommend, oft zu einem offenen Fenster hereinfliegend beziehungsweise stehend vor Maria.

Felix Hoffmann hat diese Verkündigungstradition selbstverständlich gekannt, sie aufgenommen – und zugleich transformiert. Damit interpretiert er die Szene neu, überraschend und eigenwillig: Der Erzengel kniet vor Maria wie ein Antragssteller, das Motiv der weissen Lilien in seiner Hand, in der Verkündigungsikonographie seit ausgehenden Mittelalter gebräuchlich, unterstreicht diese Interpretation zusätzlich.

Der Engel Gabriel

In seiner grundlegenden Studie über Engel und Dämonen (1967) schreibt Alfons Rosenberg auch über den Erzengel Gabriel und über Verkündigungsdarstellungen in der bildenden Kunst. Die folgende Übersicht und die Zitate basieren auf dieser Publikation.

Nach alter Überlieferung ist Gabriel der Engel der Zeugung, der Geburt und aller Anfänge; er «als der Engel des Ostens – ex oriente lux – gilt deshalb als der Lebensbringer». Er steht im kosmischen Jahr an der Schwelle des Werdens, er ist «Lebenserwecker und Behüter alles Wachsenden in jeglichem Bereich».

«Das Amt und das Wesen Gabriels haben sich vor allem durch die Botschaft, die er Maria in Nazareth zu überbringen hatte, im Gedächtnis der Menschen eingeprägt. In unzähligen Bildern wurde und wird immer noch die Szene der Verkündigung  dargestellt: wie der Engel leichten Fusses und mit von seinem Fluge zur Erde flatternden Gewändern in das Gemach Marias hereintritt und das Mädchen aus Nazareth begrüsst. Die Verkündigung Gabriels an Maria ist wahrscheinlich der verbreitetste Bildtypus innerhalb der christlichen Kunst – ein Bild der Hoffnung und der Ankündigung des Kommenden.» Diese Kraft des Erzengels geht bereits aus seinem Namen hervor: Er bedeutet «Kraft Gottes». «Gabriel ist demnach der Träger und Mittler göttlicher Zeugungskräfte, jener Ur-Zeugungskraft, die über alles Gewordene und Abgeleitete hinaus neue Anfänge zu setzen vermag. (...) Gabriel ist auf das engste mit dem Mysterium der leiblichen Zeugung verbunden. (...) Gabriel wirkt Zukunft, indem er Gotteskraft in den Zeugungsvorgang einfliessen lässt. Gabriel steht über dem Werden und der Vermehrung des Gottesvolkes in der Zeit zwischen Paradies-Anfang und Gerichtsende. (...) Gabriel ist auch Mittler der Gott-Geburt im Menschen, ein Führer über die Bewusstseinsschwelle hinweg. Darum gilt er als Inspirator der Propheten, als Geburtshelfer für das Gotteswort im Menschen.»

Gabriel kommt von links: «Den zahlreichen Darstellungen der Verkündigung Gabriels an Maria liegt, trotz mancherlei Varianten, eine einheitliche Ordnung zugrunde. (...) Auffallend ist nun der Umstand, der beinahe zum Kanon der Verkündigungsbilder gehört, dass Gabriel in der Mehrzahl aller Darstellungen von links auf Maria zukommt. (...) Die linke Seite ist aber in der Symbolik der Richtungen die Seite des Weiblichen, des Innern und Verborgenen, des Passiven und des Gefühls, während die rechte die Aussenwelt und das Sichtbare, das Aktive und das Wollen, symbolisiert. Gabriel kommt demnach aus der – vom Menschen aus gesehen – verborgenen Welt Gottes in die sichtbare Welt hinein, das heisst nach der rechten Seite hin. (...) Das Gefälle von links nach rechts, in welchem Rhythmus sich das Verborgene offenbart, ist typisch für die abendländisch-christliche Erlebnisweise der Welt. (...) Rechtsläufigkeit – wie in der europäischen Schrift und Bildlichkeit – stellt eine Bewegung dar, die vom Ichpunkt weg und zum Du hin läuft. Sie ist Ausdruck des Gerichtetseins auf Zwecke und Gegenstände und zeigt die Tendenz zur Besitzergreifung der Welt an. (...) Das Kommen Gabriels von links her zeigt darum die Hinneigung Gottes zur Welt an, welche in die Inkarnation ihren höchsten Ausdruck gefunden hat.»

Zu den bekanntesten Attributen Gabriels in Verkündigungsdarstellungen gehört der Lilienstab, den er in seiner Hand hält (der biblisch übrigens nicht belegt ist). Seit dem 7. Jahrhundert wird er (wie andere Engel auch) üblicherweise mit einem Botenstab dargestellt: «Gott spricht und es geschieht – darin ahmt ihn der Engel nach.» Im Laufe des Mittelalters wandelte sich Gabriels Attribut vom Botenstab, «der zuerst in strenger Ordnung an seiner Spitze drei Blüten trug»: Symbol des Geheimnisses der Dreifaltigkeit. Im Laufe der Zeit erfuhr der Lilienstab manche Veränderung und Erweiterung bis hin zum rechteigentlichen Lilien-Maiglöckchenbüschel (zum Beispiel bei Hans Baldung Grien im 15./16. Jahrhundert). Die Farbe der Lilie weiss steht dafür, dass Maria jungfräulich war, als der Engel ihr die frohe Botschaft verkündete.

Felix Hoffmann hat eine strenge, stark stilisierte Form des Lilienstabes gewählt, die sein Engel Gabriel in der linken Hand hält. Sie ist  gleichsam der Mittelteil von insgesamt drei Teilelementen des Engels, die ins rechte Bildkompartiment übergreifen: Die Spitze des linken Flügels schweift über den ganzen oberen Bildbereich und bedeutet den Schutz, den der Bote Gottes Maria angedeihen lässt, unten ragt ein kleiner Zipfel seines Gewandes in ihren Raum – und in der Mitte und sehr markant erscheint die Hand des knienden Engels, der Maria den Lilienstab entgegenstreckt, mit einer so entschiedenen wie respektvollen Haltung: ein dreimaliges Hineinragen, Hineingreifen des Engels auf drei verschiedenen Bildebenen.

Pfarrerin Gabi Wartmann hat am 11. Dezember 2011 eine Predigt zum Verkündigungsfenster gehalten, in der sie, zusammen mit Felix Hoffmann, diese Darstellung ebenfalls neu interpretiert – im folgenden Ausschnitte aus ihrer Predigt:

«Gabriel horcht.
Und er horcht nicht irgendwohin.
Wenn wir von seinem Ohr aus eine waagrechte Linie in Marias Bildhälfte hinein
ziehen, trifft diese Linie auf ihr Herz.
Gabriel horcht auf Marias Herzenshöhe.

Ihr Kopf liegt in ihren Händen und deutet durch seine Neigung und die übereinstimmende Gestik der Hände eine Verbindung zu Gabriel an.

Für mich liegt eine eigentümliche Spannung auf diesem Bild: Da ist auf der einen
Seite diese starke Trennung der beiden Bildhälften und auf der anderen Seite ist eine
grosse Zugewandtheit und Innigkeit zwischen den beiden Figuren wahrzunehmen:
Da sind Flügel und Hand und Kleidzipfel des Engels, die dreifaltig-heilige
Durchbrechung der Zweiteilung. Der Himmelsbote begegnet der irdischen Frau.
Himmel und Erde berühren sich.

So klar die Zuwendung Gabriels ist, so klar ist auch, dass Maria ihren Raum hat.
Gabriel kommt ihr nahe, aber nicht zu nahe. Maria hat Raum. Sie hat genügend
Raum, um die Worte Gabriels in sich zu bewegen.

Gabriel kniet neben Maria und streckt ihr seine Hand entgegen. Er kniet und er sieht
eigentlich nicht aus, wie einer der verkündigt, sondern eher wie einer, der einen
Antrag macht. Ja, Hoffmann macht in seiner Darstellung die Verkündigungs- zu einer
Antragsszene. Und anstelle eines diamantenen Rings, streckt Gabriel seiner Maria
eine Lilie entgegen.

Verkündigung dargestellt als Antrag – das ist neu: Denn, wer einen Antrag macht
muss damit rechnen, dass dieser abgelehnt wird. Ein Antrag lässt immer Raum fürs
Nein. Wer einen Antrag stellt macht sich verletzlich, gibt sich, seine Wünsche und
Gefühle Preis. Ein Antrag ist beides: Angebot der eigenen Liebe und Anfrage an den
geliebten Menschen. Und dieses Anfragen hat einen offenen Ausgang.

In Hoffmanns Darstellung ist Maria nicht die Empfängerin eines göttlichen
Verkündigungs-Auftrages. Sie erhält einen Antrag – und ist nun eingeladen, eine
Antwort auf diesen Antrag zu geben.

Gabriel lässt ihr dazu den nötigen Raum.
Er drängt sich nicht auf.
Zwar schenkt er Nähe und Zuwendung – Flügel, Hand und Kleid –
aber gleichzeitig lässt er Maria Raum.
Maria hat Gabriel gehört.
Sie denkt über seine Worte nach.
Sie wägt ab.
Und Gabriel wartet auf ihre Antwort.
Mit weit offenem Ohr.
Er kennt ihre Antwort noch nicht.
Sie steht da und wägt ab.

Sie hat den Raum und die Freiheit, Ja oder Nein zu sagen.
Erst dadurch, erst durch die Möglichkeit, auch Nein sagen zu können, wird das Ja,
das Maria geben wird, zu einem echten Ja.»


Predigt von Stadtpfarrerin Gabi Wartmann am 11. Dezember 2011:
«Verkündigung von unten» zum Verkündigungsfenster von Felix Hoffmann (PDF, 130 KB)

Predigt von Stadtpfarrerin Gabi Wartmann am 16. Dezember 2012:
«Gabriel» (PDF, 539 KB)


Ansichtskarte «Kunst, Geschichte und Legenden» (PDF, 230 KB)

Text © Barbara Tobler
Foto © Hans Fischer





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