Reformierte Kirchen im Aargau

Ein Projekt der Refomierten Landeskirche Aargau
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Auenstein
Das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen von Felix Hoffmann

Die Glasmalereien

Die Kirche Auenstein beherbergt eine kleine, aber besonders schöne Scheibe des Aarauer Künstlers Felix Hoffmann (1911–1975). Sie stammt aus dem Jahr 1953 und wurde kurz nach der Gesamtrenovierung der Kirche von 1951/52  im hintersten Fenster der Nordwand eingefügt. Sie hat die Masse 58 x 40 cm.

Die Scheibe zeigt das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen nach Matthäus 25,1-13. Im Zentrum steht in der oberen Mitte der Bräutigam, der in strahlendem Gelb eben durch das geöffnete Portal tritt und auf beiden Seiten des Portals von den zehn Jungfrauen erwartet wird: Während die einen zu seiner Rechten brennende Lichter in ihren Händen tragen, müssen die zu seiner Linken im Dunkeln verharren – vom Künstler eindrücklich gestaltet.

Der himmlische Bräutigam als jugendlicher Frühlingsgott

Der Bräutigam wird auf überraschende Weise dargestellt: Er tritt als junger Frühlingsgott mit einem Blütenkranz auf dem Haar aus dem Portal, mit offenem Gesicht, lebhaftem Blick aus grossen Augen und  geöffnetem Mund – erwartungsvoll und als ob er gleich zu sprechen begänne. Ein sehr junges Gesicht; dass es sich um einen Mann handelt, ist vor allem an den angedeuteten Bartstoppeln und an der Grösse seiner Hände und Füsse erkennbar.

Der Bräutigam / Christus als jugendlicher Frühlingsgott

Felix Hoffmann hat auf einem bisher nicht veröffentlichten Radierzyklus «Hartmann von Aue, Der arme Heinrich» von 1967 auf einem der insgesamt 10 Blätter einen sehr ähnlichen jungen Frühlingsgott gezeigt. Auch dieser junge Mann wird mit blätterbekränztem Haupt dargestellt.

aus einer Grafikfolge zu Hartmann von Aue von 1967 (Kaltnadelradierung, Ausschnitt)

Licht und Dunkel

Auf der rechten Seite, im Schatten und in Verdunkelung, sind die fünf törichten Jungfrauen zu sehen. Sie stehen mit leeren Öllämpchen da, abgewandt, mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen, sich an die Stirn fassend, sie wirken resigniert und statisch. Sie stehen vor verschlossener Türe und werden vom Bräutigam nicht empfangen werden. Ihre Gesichter und ihr Haar sind dunkel und eher angedeutet als ausgeführt. Ganz anders hingegen Gesichter und  Haar der klugen Jungfrauen, die hell und in differenzierterer Feinzeichnung gezeigt werden – eine Analogie zum Gesicht und Blütenkranz des Bräutigams. Zwei der erhellten Lampen ragen ins sein Bildfeld hinein, bei den törichten Jungfrauen ist ihr Bildfeld und das des Bräutigams klar und mit einer breiten schwarzen Linie abgegrenzt. Für diese fünf Jungfrauen wird es keine Hochzeit geben, und der Bräutigam wird ihnen durch die verschlossene Türe, vor der sie Einlass begehren, sagen: «Amen, ich sage euch, ich kenne euch nicht!» (Mt 25,1-13)

Die Unterschiede zwischen den klugen und den törichten Jungfrauen hat der Felix Hoffmann auch formal gestaltet: Während die klugen Jungfrauen sich in lebendiger, gleichsam organisch bewegter, geschmeidiger Anordnung zeigen – man könnte sogar an eine ornamentale Wellenlinie denken –, wirken die törichten Jungfrauen statisch, unbeweglich, passiv und teilweise wie in ihrer Ratlosigkeit und Enttäuschung erstarrt.

Sie halten ihre leeren Öllämpchen gesenkt, während die klugen Jungfrauen die ihrigen dem Bräutigam entgegenstrecken, sie in freudiger Erwartung emporhalten; die unterste Jungfrau beschützt die brennende Flamme klug mit beiden Händen.

In Analogie zu den beiden Seiten ist die rechte Hand des Bräutigams zu den klugen Jungfrauen hin geöffnet, einladend, während er die Linke so hält, dass er den linken Portalflügel gleich zuziehen kann; diese Hand ist nicht geöffnet und lädt, anders als seine Rechte, nicht ein. Auch in dieser Scheibe hat der Künstler die Hände der Figuren sehr bewusst gestaltet, und auch hier sind sie, wie zumeist bei Felix Hoffmann, barfuss.

Die Komposition der Scheibe besteht im Prinzip aus einem umgekehrtes T-Form: Zuunterst der breite rechteckige Sockel, darüber das Gemeindewappen von Auenstein und in etwa gleicher Breite der architektonische Raum, aus dem der Bräutigam heraustritt. Die Scheibe ist symmetrisch um eine vertikale Mittelachse gestaltet, die in Gemeindewappen und Sockel deutlich erkennbar ist.

Der Bräutigam in strahlendem Gelb tritt gleichsam über dem Gemeindewappen von Auenstein aus der Pforte und bildet nicht nur das inhaltliche, sondern auch das visuellen Bildzentrum; Pforte und Wappens sind gleich breit. Das Gold des schlichten Sockels korrespondiert formal mit dem goldenen Mittelpunkt der Scheibe, erscheint aber abgedunkelt, eher rotgolden als strahlendgelb wie der Bräutigam und das Architekturelement von Pforte und Fussboden, auf dem er eben heraustritt.

Die Blasonierung des Auensteiner Gemeindewappens lautet: «Gespalten von Rot mit zwei pfahlweise gestellten weissen Rosen mit gelben Butzen und grünen Kelchblättern und von Weiss». Felix Hoffmann hat das Wappen mit der Spitze in die Mitte des einfachen goldenen Sockels platziert, das in der Front in kunstvoller Schrift gestaltete Angaben zur Kirchenrenovierung enthält:

«AUENSTEIN / Renovation der
Kirche / ANNO DOMINI 1952»

Farblich bewegt sich diese Scheibe im Wesentlichen innerhalb des Schwarz/Grau – Blau/ Dunkelrot/Violett und Gold; in der linken unteren Figur einer klugen Jungfrau erscheint zusätzlich ein frisches Mittelgrün. Das Dunkelrot des Auensteiner Wappens wird im Hintergrund des Raumes, aus dem der Bräutigam tritt, wieder aufgenommen.

Detail (oben links): Zwei kluge Jungfrauen mit Schwarzlot-Feinzeichnungen vor allem der Haare und der brennenden Öllämpchen

Felix Hoffmann war ein hervorragender Grafiker; so finden sich auch in dieser Scheibe viele feine Schwarzlotzeichnungen, so etwa in den Gewändern des Bräutigams und der Jungfrauen, im Haar der klugen Jungfrauen, in den Lichtkreisen der brennenden Öllämpchen; selbst die angedeuteten Säulchen des Fundaments sind mit feinen schrägen Rhomben verziert.

Signaturen und Datum finden sich unten links und unten rechts:

«Felix Hoffmann 1953»

und

«GLASMALEREI P. WÜTHRICH . BERN»

 


Im Weiteren ist in der Butzenverglasung des südlichen Chorfensters ein kleines Wappenschildchen mit einem aufgerichteten Löwen zu sehen, das wohl ursprünglich zu einer umfangreicheren Verglasung gehörte. Es ist mit Schwarzlot auf hellgelbes Glas gemalt und stammt entweder aus dem 14. Jahrhundert oder aus der Zeit des Chorbaus am Ende des 15. Jahrhunderts.

Text © Barbara Tobler
Fotos © Hans Fischer




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