Reformierte Kirchen im Aargau

Ein Projekt der Refomierten Landeskirche Aargau
Stritengässli 10, 5001 Aarau, ag@ref.ch

 

Die Konfessions-, Bau- und Kirchengeschichte

Die Konfessionsgeschichte

Die Reformation verursachte in der Schweiz eine anhaltende, tiefe Entzweiung zwischen den katholischen, ländlich geprägten Orten auf der einen Seite und den reformierten, weitgehend städtisch und zentralistisch organisierten Orten auf der anderen Seite. Infolge ihrer Siege im Zweiten Kappeler Krieg (1531) und im Ersten Villmerger Krieg (1656) vermochten die Katholiken innerhalb der Eidgenossenschaft lange Zeit eine politische Vormachtstellung zu behaupten. Den Zweiten Villmerger Krieg im Jahre 1712 indes entschieden die reformierten Stände Bern und Zürich dank moderner Kriegstechnik für sich, und in der Folge waren sie es, welche die politische Führungsrolle wahrnahmen.
 
Baden – Sitz eines Landvogtes sowie Tagsatzungs- und viel besuchte Bäderstadt – lag zu diesem Zeitpunkt auf einem eidgenössischen Untertanengebiet, das den nordöstlichen Teil des heutigen Kantons Aargau ausmachte. Das Gebiet – die sogenannte Grafschaft Baden –  war 1415 den Habsburgern entrissen worden und stand seit 1443 unter turnusgemässer Verwaltung der Acht Alten Orte. Als Landstrich zwischen den Territorien der reformierten Orte Zürich und Bern war es stets einer argwöhnischen Beobachtung durch die katholischen Orte ausgesetzt. Dementsprechend hielt die Stadt allzeit am alten Glauben fest; den reformierten Landvögten, Tagsatzungsgesandten und Badegästen blieb es bis ins frühe 18. Jahrhundert verwehrt, in Baden eigene Gottesdienste abzuhalten.

       
Baugeschichte

Die Kapitulationsurkunde von 1712 versprach dem katholischen Städtchen eine freie Konfessionsübung. Gleichwohl aber drangen die Siegermächte Bern und Zürich schon bald auf die Errichtung einer reformierten Kirche.

Die reformierte Kirche Baden von Nordosten. Links, über dem Steilhang zur Limmat, die von der Altstadt herführende Badstrasse. Im Hintergrund die Ruine des 1712 zerstörten ehemaligen Habsburger Schlosses Stein.

Noch im Kriegsjahr beauftragten sie den zürcherischen Baumeister Matthias Vogel mit einem Entwurf. Um die Wende zum Jahr 1713 hielt Vogel ein Projekt bereit, das den Bauakten zufolge der achteckigen Querkirche im reformierten Schaffhauser Dorf Wilchingen nachgebildet war.

Reformierte Kirche Wilchingen, von Heinrich Peyer. Grundriss, 1676.

Bern konnte sich für diesen Beitrag freilich nicht erwärmen und verlangte von seinem städtischen Steinwerkmeister Abraham II. Dünz neue Entwürfe. Einer davon wurde im Februar/März 1713 von der reformierten Tagsatzung definitiv gebilligt; im April stimmten ihm auch die Ratsherren in Bern und Zürich zu.

Reformierte Kirche Baden, von Abraham II. Dünz und Franz Beer.
            Grundriss, 1713.

Der bernische Landvogt in Baden, Hieronymus Thormann, dem es oblag, die Maurer- und Zimmermannsarbeiten zu verdingen, liess spätestens Mitte April mit dem Bau beginnen. Die Kontrolle der Maurerarbeiten hatte er an den erfahrenen Vorarlberger Architekten Franz Beer vergeben. An dessen Seite wurde auf Drängen Zürichs Matthias Vogel als zusätzlicher «Bauinspector» eingesetzt. Für den Bau der Kirche, die im September 1714 vollendet war, wurden «keine andere als pur evangelische Meister und Arbeitern» verpflichtet.

Autorschaft: Dünz, Beer, Vogel

Mit seinem einfachen Polygonalschluss, der ohne Einzüge unvermittelt an den Längsmauern ansetzt, vertritt der Badener Predigtsaal eine seit dem 17. Jahrhundert schweizweit eingebürgerte, von den Protestanten bevorzugte Raumlösung.

Reformierte Kirche Baden. Inneres gegen Westen. Kanzel, Abendmahlstisch, Hängeleuchten und Pfarrtürchen von 1949.

Der Vater des Planschöpfers, Abraham I. Dünz, hatte sie im Bernbiet als Variante zu den älteren rechteckigen Predigtsälen populär gemacht; charakteristische Beispiele bilden die freskengeschmückte Kirche von Bätterkinden (1664) und die Kirche Oberbipp (1686). Dünz der Sohn folgte mit Bauten wie jenen in Melchnau (1709), Rothrist (1713) und Niederbipp (1728). Indessen sind wesentliche Unterschiede zur Badener Kirche nicht zu übersehen: Die ländlichen Säle erscheinen in den meisten Fällen engräumig, tragen niedrige Holzdecken und zeigen in der handwerklichen Ausführung und im malerischen Schmuck manche Zufälligkeiten – die Kirche in Baden indessen hält solch unbekümmert schwankendem Gestaltungswillen deutlich entgegen. Ihre kalkulierten Proportionen, ihr gewölbter Lichtraum und ihr majestätischer Turm entspringen einem ausgeklügelten Konzept. Sie zielen offensichtlich auf Repräsentanz und statuieren sinnbildlich den Machtwillen der reformierten Siegermächte.

Man mag die programmatischen Züge der Kirche als Idee von Dünz begreifen, dessen Bauprojekt im März 1713 von den Gesandten Berns und Zürichs genehmigt wurde. Mit gleicher Berechtigung aber kommt auch Franz Beer als Ideenträger in Frage, jener Baukünstler, den der bernische Landvogt Thormann kurz vor Baubeginn ins Spiel gebracht hatte. Beer zählte im deutschsprachigen Raum zu den begabtesten und meistgefragten Architekten seiner Zeit (Kirchen- und Klosteranlagen von Obermarchthal, Rheinau, St.Urban, Weingarten u. v a.) – jedenfalls zu denjenigen, die dem speziellen Anspruchsniveau der  Bauherrschaft in Baden selbst unter strengem Spardiktat hätten genügen können. Just im Jahre 1712 war Beer in «Reichweite» Thormanns, nämlich im bernischen Jura (in Bellelay) und in Berns thurgauischem Untertanengebiet (in Münsterlingen), massgeblich an zwei Kirchenbauten beteiligt. Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass in der Badener Turmfassade Übereinstimmungen mit dem Frontturm von Münsterlingen festzustellen sind und dass zahlreiche Schmuckmotive des Badener Turms Parallelen in Bellelay haben (Portaleinfassung, Schweifgiebel mit Okuli, Fensterrahmungen, Dreieckgiebelchen).

Matthias Vogel, der in Baden mit seinem Kirchenprojekt hinter Dünz auf der Strecke blieb, mag hier als Oberinspektor gleichwohl eine gewichtige Rolle gespielt haben. Interessanter jedoch und bedeutender als das, was er auf dem Bauplatz realisiert haben könnte, ist das, was ihm hier verwehrt blieb: nämlich die Errichtung einer Querkirche nach jenem erwähnten Vorbild der Dorfkirche in Wilchingen.

Reformierte Kirche Wilchingen (Kanton Schaffhausen), Ansicht von Südwesten, von Heinrich Peyer, 1676. An der westlichen Scheitelwand der mittelalterliche Turm.
    


Hier hatte der Schaffhauser Stadtbaumeister Heinrich Peyer 1676 über der Grundrissform eines gestreckten Achtecks einen Predigtsaal geschaffen, dessen kürzere Raumachse die Hauptrichtung bestimmte, während die längere in der Quere verlief. Der liturgische Brennpunkt mit Kanzel und Taufstein lag am Ende der kurzen Achse, so dass beide einerseits den entferntesten Sitzplätzen näher lagen als in einem längsgerichteten Saal, anderseits auch als Akzente der Raumsymmetrie wirken konnten. Der Typus der Querkirche war seit der Wende zum 17. Jahrhundert weiträumig bekannt; zu seinem Durchbruch in der Schweiz hatten zunächst vor allem die Hugenotten und die Niederländer beigetragen.

Eine bis in die Einzelheiten reichende Vorstellung dessen, was Vogel für den Bau in Baden vorschwebte, ist durch die Kenntnis der Wilchinger Kirche allein nicht zu gewinnen. Die Situierung des (aus dem Mittelalter übernommenen) Wilchinger Turms an einer Scheitelwand beispielsweise wird den Baumeister kaum zur Nachahmung in Baden motiviert haben. Hingegen kann uns ein anderer Querbau, der Vogel selbst zum Urheber hat, wertvolle Einsichten vermitteln. Nur vier Jahre nach seinem Misserfolg in Baden kam der Zürcher Architekt – wiederum im Auftrag der reformierten Städte – beim Bau der Kirche im Marktflecken Zurzach voll zum Zug (1716), und in diesem Bau dürfte er jene selbe Querkirchenidee verwirklicht haben, die in Baden Papier geblieben war. Wilchingen und Zurzach erweisen sich als eng verwandt. Die Abweichungen in Zurzach sind allerdings mehr als blosse Retuschen und verfolgen eine wesentliche Weiterentwicklung des schaffhausischen «Urtyps»: Der Turm wird auf die Hauptachse gesetzt und nimmt die Emporentreppen auf. Die Empore selbst wird radial gewinkelt. Und die Belichtung wird, der inneren Geschosseinteilung gemäss, zweizonig angelegt durch ovale Okuli unten und Rundbogenfenster oben.

Bauliche Veränderungen

Die anfänglich an der Nordwand beim Chorzugang angebrachte Kanzel wurde 1862 in die Mitte der Chorscheitelwand versetzt.

Reformierte Kirche Baden, Inneres gegen Westen. Kanzel, Wandtäfer und Bestuhlung von 1862; Taufstein um 1714.

1949 fand anlässlich einer umfassenden Aussen- und Innenrenovation eine neu angefertigte Kanzel ihren Platz auf den Chorstufen vor dem südlichen Bankquartier.

Zwischen 2003–2007 wurde die Kirche Baden vom Architekturbüro Miroslav Sik in Zürich umfassend renoviert. Bei der Neugestaltung des Kircheninnern wurde die Kanzel 2007 durch ein Predigerpult ersetzt und in der Chormitte mit einem modern gestalteten Abendmahlstisch und einem Taufbecken kombiniert.




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