Reformierte Kirchen im Aargau

Ein Projekt der Refomierten Landeskirche Aargau
Stritengässli 10, 5001 Aarau, ag@ref.ch

 

Aussenansicht der Kirche Brittnau um 1875. Zu sehen sind das 1962 abgebrochene Pfarrhaus, der Kirchenbau in der Erscheinungsform von 1641 sowie der noch im Kirchhof liegende Friedhof (Bild: Kurt Buchmüller, 1976).

Die Kirchen- und Baugeschichte

Von einer kleinen Saalkirche des 10. Jahrhunderts ausgehend wandelte sich die Kirche Brittnau im Lauf der Jahrhunderte über mehrere Entwicklungsstufen durch Um- und Anbauten oder den Wiederaufbau, bis zu ihrer heutigen Erscheinungsform.

Die aktuelle Erscheinungsform der Kirche Brittnau von Südwesten her gesehen

Durch die begleitende archäologische Untersuchung der Kirche Brittnau im Umfeld der 1968 durchgeführten Renovation, konnte die Baugeschichte im Wesentlichen geklärt werden.

Die erste nachweisbare Kirche entstand im 10. oder 11. Jahrhundert als einfache Saalkirche mit einem Grundriss von 9.5 m Länge und einer Breite zwischen 5 und 6 m. Sie war auf einem leicht über der Wiggerebene liegenden Plateau errichtet worden und dürfte wohl nur einen einzigen Altar vor der Ostwand des Schiffs besessen haben.

In einer zweiten Bauetappe im 12. oder 13. Jahrhundert kam es zum Abbruch der Ostmauer und zum Anbau eines beidseits um etwa 1 m eingezogenen Chorraums von 3.6 x 3.1 m Fläche an den bestehenden Saal. Wahrscheinlich wurde bereits damals auch eine westseitige Verlängerung des Kirchenschiffs um etwa 5 m vorgenommen. Die seit 1304 nachweisbare Kirchenpatronin war die hl. Verena.


Plan mit den verschiedenen historischen Bauphasen der Kirche Brittnau (Grafik nach einer Skizze von W. Stöckli, 1969).

Die dritte Bauphase im 14. Jahrhundert zeigt eine Erweiterung des alten romanischen Chorbereichs durch einen grösseren gotischen Chorraum mit quadratischem Grundriss und einer Fläche von etwa 5 x 5 m. Dadurch entstand ein stark in die Länge gezogener, schmal wirkender Raum von 22 m Läge und 5 bis 6 m Breite. Die damalige Raumhöhe lässt sich nur schwer abschätzen. Als Gliederung war wohl bereits damals ein Chorbogen zwischen Altarbezirk und Kirchenschiff (Laienbezirk) eingezogen worden.

Im Jahr 1547 fiel die Brittnauer Kirche zusammen mit einer grösseren Zahl von Häusern einem Brand zum Opfer. Beim damals erwähnten Turm, der zusammen mit den Glocken und dem Kirchengebäude verbrannte, dürfte es sich noch um einen Dachreiter aus Holz gehandelt haben. Dach (mit dem Dachreiter für die Glocken), Fenster und Sitzbänke mussten ersetzt werden. Die bei der Renovation von 1905 nachgewiesene Wandbemalung im «Renaissancestile», wie damals im Zofinger Tagblatt nachzulesen war, dürfte ebenfalls nach dem Kirchenbrand entstanden sein.

Im Jahr 1585 wurde ostseitig an den Chor anschliessend vom Aarburger Maurer Hans Hutter ein Kirchturm errichtet. Der Anbau bestand aus Bruchsteinmauerwerk, die Gewölbe über den breiten Fensternischen aus Backstein. Das nicht unerhebliche Gewicht der Turmsüdmauer, welche auf die Nordmauer des Chors aufgesetzt wurde, leitete man mit Entlastungsbögen auf die Ost- und Westmauer. Dadurch verschmolz der neue Turm gleichzeitig mit dem bestehenden Kirchenbau zu einer Einheit.

1631 scheint im Turm ein Gefängnisraum eingerichtet worden zu sein, in welchem die damals oft verhängten, kurzen Haftstrafen für ehe- und sittengerichtlichen Vergehen der Kirchgenossen abgebüsst werden mussten.

Im Jahr 1641 kam es zu einer umfangreichen Erweiterung der Brittnauer Kirche, welche dem Gotteshaus in etwa zur heutigen Grösse und Erscheinungsform verhalf. Von der bisherigen Anlage blieben der Turm, die Nordmauer von Chor und Schiff sowie die Westmauer bestehen.

Durch die südseitige Verbreiterung des bisher langgestreckten Grundrisses um etwa einen Drittel erhielt der Innenraum deutlich ausgewogenere Proportionen. Der rechteckige Chor wurde polygonal umgestaltet, und der Kirchenraum mit breiten Spitzbogenfenster mit gekehltem Masswerk und Fischblasen ausgeschmückt. Südportal, Chorbogen und Kanzel weisen der Erweiterung entsprechend allesamt die Bauinschrift «1641» auf.

Nach 1641 blieb die Brittnauer Kirche im Wesentlichen unverändert. 1740 erhielt das Gotteshaus westseitig ein Vordach. 1852 fand man im Schiff das gemauerte Grab eines Angehörigen der Familie von Büttikon, wohl dasjenige von Ritter Hans Thüring von Büttikon (†1499), der 1481 in dieser Kirche einen Nebenaltar (Kaplanei) gestiftet hatte.

1881–1884 wurde die südliche Türe und das südliche Masswerkfensters versetzt, zwei kleine Fenstern in zwei grosse umgewandelt, ein neuer Fassadenverputz aufgebracht, die Empore vergrössert und mit einem neuen Treppenaufgang versehen, das Dach umgebaut und schliesslich neue Kirchenfenster eingesetzt.

1905–1906 erhielt die Kirche einen neugotischen Vorbau. Den Kirchenboden belegte man mit Ransbacher Mosaik. Die Innen und Aussenwände erhielten einen neuen Verputz und auf das Turmdach kamen nun glasierte Ludovici-Falzziegel. Anlässlich dieser Renovation fand man erstmals Hinweise auf den Brand von 1547 sowie offenbar im Nachgang zur Brandkatastrophe entstandene Wandmalereien.

Ansicht des alten Pfarrhauses sowie der Westseite der Kirche Brittnau mit dem 1906 errichteten neugotischen Vorbau, der 1968 wieder entfernt wurde (Bild: Kurt Buchmüller, 1976).

In den 1960er-Jahren musste zur Kenntnis genommen werden, dass die Kirche Brittnau umfassenden Renovationsbedarf aufwies. Lange Zeit war man sich innerhalb der Kirchgemeinde nicht einig, ob das bestehende Gebäude saniert oder nach dem Abbruch eine neue Kirche errichtet werden sollte. Erst nach langen Diskussionen und mehreren Abstimmungen stand fest, dass das historische Gebäude renoviert und damit weiter bestehen sollte. Die Richtigkeit dieser Entscheidung wurde nicht zuletzt durch die archäologischen Grabungsresultate von 1968 bestätigt, die für das hiesige Gotteshaus eine mehr als 1000-jährige Geschichte nachgewiesen haben.

Die wichtigsten sichtbaren baulichen Massnahmen der Renovation von 1968/69 bestanden in der Entfernung des neugotischen Vorbaus von 1906, der Neugestaltung der Kirchenfenster mit Glaskunst von Fritz Strebel, der Vergrösserung der Empore und schliesslich der Verlegung der Orgel vom Chor auf die Empore.

Heute, ein halbes Jahrhundert nach dieser Renovation, zeigen sich wiederum deutliche Anzeichen für notwendige bauliche Sanierungsmassnahmen.




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