Reformierte Kirchen im Aargau

Ein Projekt der Refomierten Landeskirche Aargau
Stritengässli 10, 5001 Aarau, ag@ref.ch

 

Der Innenraum der Kirche Gränichen
Blick auf den Ostteil der Kirche mit gotischen Masswerkfenstern, Grisaillenmalereien, Kanzel, Taufstein

Das Innere

«Der Kirchgänger und Besucher wird beim Betreten des Innenraumes in Staunen versetzt: er bewegt sich zuerst in fast bedrückender Enge im Erdgeschoss des Turmes und sieht sich dann im Innern einem unerwartet und ungewöhnlich reich dekorierten und lichtdurchfluteten Predigtraum gegenüber.»

Der Grundriss der Kirche besteht aus einem schlichten, wohlproportionierten und chorlosen Rechteck mit Eckstreben unter einer schlichten Korbbogendecke. Die Kanzel und der Taufstein liegen in strenger Achsensymmetrie genau auf der Mittelachse, das heisst, die beiden Hauptelemente der reformierten Sakralarchitektur – die Kanzel als Ort der Verkündigung der Predigt, des Wort Gottes und der Taufstein – stehen im Zentrum des Raumes. Eine gewisse architektonische Abgrenzung von Gemeindeteil und vorderem Bereich mit Kanzel und Taufstein ist durch drei Stufen aber dennoch gegeben.

Blick von der Empore auf den Kircheninnenraum

Die polygonale barocke Kanzel aus weissem Marmor mit massiven Brüstungen, korinthischen Ecksäulen zwischen Sockel und Gebälk, Treppenaufgang mit durchbrochener Balustrade und hölzernem Schalldeckel befindet sich an der Ostwand zwischen den beiden Fenstern.

Blick auf und in den hölzernen Schalldeckel der barocken Kanzel

Der plastisch reich gestaltete barocke Taufstein besteht ebenfalls aus weissem Marmor. Der eiförmige Kelch steht auf einer rechteckigen Platte und einem zweiteiligen Sockel und trägt vier runde Medaillons in Blattkränzen unter geflügelten Engelsköpfen.

Der barocke Taufstein als weissem Marmor

Detail des Taufsteins: einer der vier geflügelten Engelsköpfe zwischen Gesims und Medaillon

Zum Glanz dieses so besonderen Innenraumes tragen vor allem auch die reichen Grisaillemalereien bei, die anlässlich der Gesamtrenovation von 1978/79 zum Vorschein kamen, wieder freigelegt und vorbildlich restauriert wurden. Sie wurden vom Aarauer Künstler Hans Ulrich Fisch II (1613-1686) gestaltet und erstrecken sich von der reichen Bemalung der Ostwand über die seitlichen Wände bis zum Portalbereich.

Architekturdetail der Grisaillemalerei am vorderen Fenster in der Südwand

Hohe spätgotischen Weissfenster mit Masswerk sorgen für viel Licht im Innenraum. Der Künstler der Grisaillamalerei gestaltete auch die sechs prachtvollen Wappenscheiben, die drei der Fenster zieren.

Zwei der sechs Wappenscheiben im Fenster rechts der Kanzel (von der Empore aus gesehen)

Auf der Empore befindet sich das Hauptwerk und Rückpositiv der Orgel mit 25 Registern, die 1963 unter Verwendung und Anpassung von Orgelprospekt und Gehäuse der Instrumente von 1920/30, 1781 und 1905 von der Firma Orgel Genf AG erbaut wurde.

Die Empore mit Orgelprospekt und Orgel

Anlässlich von Grabungen in der Kirche von 1931 wurden fünfzehn Grabplatten für örtliche Adelige entdeckt. Zwei von ihnen wurden in der Folge an der Westwand (beim Kircheneingang) aufgestellt, die restlichen Grabplatten kamen auf das nahegelegene Schloss Liebegg.


 

Der Verfasser des Kunstführers der Kirche Gränichen beschreibt die Grisaillemalereien von Hans Ulrich Fisch II in der Kirche Gränichen als «eine üppige Scheinarchitektur in Grau- und Brauntönen». Er würdigt sie wie folgt: «Wuchtige Rollwerkrahmen, Pilaster und Säulen sowie Gebälk und Sprenggiebel (seitlich der Kanzel) gehen als Fenstereinrahmungen dem Innern plastische Akzent; Girlanden mit Blumen und Früchten sowie Festons lockern die schweren Architekturelemente zierlich und organisch auf. In den Fensterleibungen ist Beschlagwerk gemalt. Diese ohne behende Virtuosität gemalte Dekoration frühbarocker Fraktur wollte im Sinne der orthodoxen Theologie jener Zeit an den salomonischen Tempel anknüpfen. Demselben Ziele galten auch die prächtigen Kartuschen zwischen den Fenstern: die Texte aus dem Deuteronomium (5. Mose), aus den Psalmen und Evangelien sowie aus einigen Briefen fordern die Gemeinde auf, das Bibelwort aufzunehmen.»

Die Arbeit von Hans Ulrich Fisch II charakterisiert er folgendermassen: «Die Ausschmückung von Gränichen trägt unverkennbar provinzielle Züge, indem die Säulen und Pilaster ohne klassischen Schwung gearbeitet sind, keine einheitliche Perspektive gewahrt ist und die Auf- und Untersichten bei den Basen und Abdeckplatten ziemlich unbeholfen wirken. Hans Ulrich Fisch hat wohl als Vorlagen für seine Architektur-Elemente und seine Dekorationen floraler Art, für das Roll- und Beschlagwerk Ornament-Musterbücher und Stiche seiner Zeit benutzt.»

Trotz dieser Einschränkungen gilt: «Gränichen darf freilich für sich beanspruchen, im 17. Jahrhundert die einzige mit reicher illusionistischer Malerei versehene Kirchen im Aargau zu sein,, zudem besitzt es den Rang eines «Musterbeispiels bernisch-protestantischen Raumlösung» und kann mit Fug und Recht «ein Bijou an architektonischer Einfachheit und festlichem Dekor» genannt werden.

Die Zitate sind dem Kunstführer der Kirche Gränichen von Hans Maurer entnommen.




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