Reformierte Kirchen im Aargau

Ein Projekt der Refomierten Landeskirche Aargau
Stritengässli 10, 5001 Aarau, ag@ref.ch

 

Kirchen- und Baugeschichte

Die Baugeschichte der Kirche Gränichen ist in vielerlei Hinsichten eine besondere – und eine besonders spannende – angefangen von einem spektakulären Turmeinsturz 1661, der schliesslich zum Kirchenneubau auf sichererem Baugrund führte, bis zum überraschenden Wiederauftauchen von ebenfalls spektakulären Grisaillemalereien anlässlich der Gesamtrenovation der Kirche von 1978/79.

Um 1050 wurde in Gränichen eine erste romanische Kirche erbaut, die von einer gotischenKirche abgelöst wurde. 1645 wurde der Turm «um 20 Schuh erhöht». Die offensichtliche Baufälligkeit des Turmes wurde mit Flickarbeiten behoben, mit der Folge, dass nur zehn Tage später, am 16. Mai 1661, der Turm einstürzte und sowohl Chor als auch Schiff zerstörten – glücklicherweise in der Nacht, sodass niemand zu Schaden kam.

Zu dieser Zeit gehörte Gränichen als Teil der bernischen Herrschaft längst zu Bern, und nachdem ein Kirchenneubau beschlossene Sache war, wurde der Berner Baumeister Abraham Dünz I (1630–1688), der kurz zuvor zum Münster-Architekten berufen worden war. Bereits am 20. August 1661 erfolgte die Grundsteinlegung, die Steinhauerarbeiten oblagen den Meistern Michel Meyer und Abraham Zinsmeister, die Innenausstattung wurde dem Aarauer Hans Ulrich Fisch II übertragen. Als Bauherr amtete der bernische Seckelmeister Abraham von Werdt.

Dank zügiger Bauleitung konnte bereits am 1. November 1663 die Einweihung der neuen Kirche gefeiert werden.

Die Kosten für den Neubau betrugen insgesamt 25‘600 Gulden, woran Bern sich mit 2000 Gulden beteiligte; die Gränicher bzw. adelige Gönner aus der Gegend wie die «Liebisegger» und die «von Hallwyl» steuerten mit freiwilligen Steuern bzw. Spenden 23‘000 Gulden bei. Nach heutiger Währung wären dies zwischen 900‘000 und 1 Million Franken.

1818 wurde der Innenraum grundlegend klassizistisch umgestaltet, dabei wurde die ursprüngliche Decke durch eine gerade Gipsdecke ersetzt, Pilaster seitlich der Fenster angebracht und vor allem die ursprünglichen Grisaillemalereien unter einer zentimeterdicken Gipsschicht verdeckt. Eine Aufnahme von 1961 zeigt einen eleganten, kühl wirkenden klassizistischen Bau mit wenigen schlichten Stuckaturen an der kassettierten Decke.


Die bahnbrechende Gesamtrenovation von 1978/79 und eine sensationelle Entdeckung

Die ursprüngliche Idee (und auch die entsprechende Bauvorlage) war, den klassizistischen Umbau von 1818 zu renovieren. Die Gesamtleitung unterstand dem Architekten Siegfried Bertschi.

Bei der Renovation wurde hinter dem Täfer plötzlich der Schriftzug «ULI» (für Hans Ulrich Fisch II) sichtbar, zwei Wochen später löste sich Verputz von den Wänden, dabei kam zur allgemeinen Überraschung Erstaunliches zutage: Teile der ursprünglichen Wandbemalung.

Glücklicherweise war der Verputz von 1818 mit Sumpfkalk gemacht worden, das heisst, er hatte keine chemische Verbindung mit den mineralbasierten Malereien eingegangen, nur mit den Befestigungslöchern des Verputzes – davon allerdings gab es Tausende. Diese wurden durch sehr viel Freiwilligenarbeit von Gemeindemitgliedern ausgespachtelt, dies nach der Bewilligung der neuen Bauvorlage, die aufgrund der neuen Tatsachen innert Monatsfrist getroffen werden musste, mit einem um 200‘000 Franken höheren Budget, das in einer denkwürdigen Kirchgemeindeversammlung am 20. Juli 1978 angenommen wurde.

Freilich gab es auch kritische Stimmen, ob man tatsächlich «dä alti Zauber, das Bärner Züg wieder fürenäh» wollte (Siegfried Bertschi). Die Gesamtkosten sollten schliesslich 1,5 Millionen Franken betragen. Hinzu kamen allerdings unzählige Stunden von vielen Gränichern, die sich in Fronarbeit am Umbau beteiligten, dies vor allem im Zusammenhang mit dem Freilegen der Grisaillemalereien. Pro Tag wurden durch diese Freiwilligen rund 1 Quadratmeter bewältigt – von insgesamt 389 Quadratmeter!

Von der ursprünglichen Grisaillemalerei wurden nur diese Löcher ergänzt, der Rest ist Originalsubstanz. Eine der zahlreichen Herausforderungen dabei war, dass für diese Art von Wanddekoration nicht viele Vorbilder existieren – ausser im Engadin nur im Kloster Beinwil, in der St. Peterskapelle in Solothurn und in Bätterkinden.

Nach dem Entfernen der klassizistischen Gipsdecke wurde auch die ursprüngliche Korbbogendecke («umgekehrter Dreschkorb») neu errichtet (von der Originalsubstanz war nichts mehr vorhanden). Dabei wurde grösster Wert darauf gelegt, dass das Holz (Weisstanne, das mitschwingt, wichtig für eine optimale Akustik) aus Gränicher Waldbesitz stammt. Die Decke wurde mit dem Schropphobel bearbeitet und wirkt nun «wie ein Eisenbahnwaggon» (Siegfried Bertschi).

Türen und Schlösser stammen aus der Entstehungszeit der Kirche.

Am 24. Juni 1979 wurde die frisch renovierte Kirche Gränichen mit einem festlichen Gottesdienst eingeweiht. Dabei stand der Vers «Wisset ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und dass der Geist Gottes in euch wohnt» (1. Korinther 3,16) im Zentrum – es ist der Spruch, der seit der Entdeckung der Grisaillemalerei rechts der Kanzel in einer Schriftkartusche steht.

Detail eines Architekturelementes in Grisaillemalerei

Zur Geschichte der Grisaillenmalerei schreibt Hans Maurer, der Verfasser des Kunstführers der Kirche Gränichen:

«Ornamentale und figurale Dekorationen an Aussenwänden und im Innern von Gebäuden haben von der Antike bis zur Gegenwart eine lange Tradition. Malereien und Sgraffiti an Fassaden sind heute noch beliebt in der Schweiz. Der Sgraffito-Schmuck an den Engadiner-Häusern – frei oder mit Hilfe von Schablonen aufgetragen, wobei auch Schrifttafeln vorkommen – bildet seit dem Ende des 16. Jahrhunderts ein reizvolles Element dieser alpinen Architektur. Camaïeu /Ton-in-Ton-Malerei), im speziellen Grisaille (in Grau gehaltene Ausmalung) war in Frankreich und Italien vom 14. Jahrhundert an beliebt. In der Malerei haben Giotto im 14. und Jan van Eyck im 15. Jahrhundert (Arena-Kapelle in Padua und Genter-Altar») Hauptakzente gesetzt. Malereien an Fassaden wurden in Florenz, Siena und Verona häufig angebracht: um den Augen ein Fest zu bieten. Im Innern von Kirchen stösst man im 17. Jahrhundert im protestantischen Bern auf zahlreiche Beispiele: die schönsten – und vorzüglich restaurierten – sind die Gotteshäuser von Bätterkinden und Biglen.»




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