Reformierte Kirchen im Aargau

Ein Projekt der Refomierten Landeskirche Aargau
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Lenzburg
Der Grundriss der Stadtkirche Lenzburg im Massstab 1:300. Gut erkennbar ist der einfache Grundriss der Saalkirche von 1667/68 und der leicht asymmetrisch gesetzte, rund fünfzig Jahre frühe entstandene Turm an der Ostwand.

Die Kirchen- und Baugeschichte

Die Stadtkirche von Lenzburg, wie sie sich heute präsentiert, wurde im 17. Jahrhundert in zwei grossen Bauetappen errichtet: 1600/02 entstand der spätgotische Turm und rund fünfzig Jahre später, 1667/68 das frühbarocke Kirchenschiff.

Ursprünglich gab es in Lenzburg nur eine Filialkapelle von Staufen, die 1372 erstmals urkundlich erwähnt ist. Sie war somit keine eigene Pfarrkirche. Beim grossen Lenzburger Stadtbrand von 1491 wurde auch sie völlig eingeäschert, jedoch sofort und etwas geräumiger wieder aufgebaut. Es muss sich dabei um einen der heutigen Kirche recht ähnlichen Bau gehandelt haben: So war östlich an das mit gotischen Spitzbogenfenstern versehene, chorlose Kirchenschiff ein Turm angebaut; auch das Satteldach stand bereits quer zur Firstrichtung des Schiffes.

1565 löste sich Lenzburg endgültig von der Mutterpfarrei Staufberg, und seither diente die einstige Filialkirche als ständiges Gotteshaus der Lenzburger.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts planten die Stadtherren zunächst die Errichtung eines neuen Kirchturms. Im November wurden die «getrüwen lieben Nachpuren und Kilchgenossen von Händtschigken» von diesem Vorhaben unterrichtet und gleichzeitig angefragt, ob sie einen Beitrag hierzu leisten möchten , damit sie «hernach nitt möchtten antwortten, man hett innen nütt darvon angezeiggt». Anfangs Juni 1601 wurden die Taglöhne für die Arbeit am neuen Kirchturm festgelegt: zwei Batzen für Männer und anderthalb Batzen für Frauen. Im Spätherbst desselben Jahres war der Kirchturm errichtet und konnte mit «hüpschen suberen roten Ziegeln» gedeckt werden. 1602 war der neue Turm der Kirche fertig. Baumeister war Lenzburger Steinmetz Antoni Frymund, der auch am Bau der Kirche in Unterkulm beteiligt war; sein Meisterzeichen und die Jahrzahl ist auf dem Turmportal und im Turmerdgeschoss zu sehen.

Der neue Turm konnte ein grösseres Geläut als das bisherige aufnehmen; zuerst wurden allerdings die bisherigen beiden Glocken von 1420 und 1519 wieder aufgehängt. 1635 wurden sie von zwei neuen Glocken, die vom Lothringen Giessermeister Jean Girard angefertigt wurden, vervollständigt.

Bereits 1634 wurden das Kirchenschiff umgebaut, 1639 die Anzahl Stühle auf der Frauenseite erhöht und 1641 eine neue Kanzel errichtet. Der Platzmangel der inzwischen zur Pfarrkirche aufgestiegenen Kirche konnte mit diesen Massnahmen jedoch nicht behoben werden, deshalb kam es 1667/68 zu einer Erweiterung der Kirche nach Norden und Westen, die im Wesentlichen einem Neubaus des Schiffes gleichkam. Abgesehen vom Turm wurde nur die alte Südmauer in den Neubau einbezogen. Dadurch kam der Turm wieder an die Mitte der Ostseite zu stehen; an seine asymmetrische Position zum früheren Schiff erinnert noch der zur Seite gerückte Eingang vom neuen Schiffsinneren ins Turmerdgeschoss (schräg rechts unter der Kanzel).

Möglicherweise stammte der Entwurf vom Berner Baumeister Abraham Dünz I (1630–1688), von dem auch das Berner Münster, die Kirche Gränichen und rund vierzig weitere protestantische Kirchenbauten stammen.

Mit diesem rechteigentlichen Neubau von 1667/68 entstand anstelle des Vorgängerbaus die heutige frühbarocke Saalkirche, in deren Ostmauer der 1601/02 errichtete Kirchturm schiefwinklig hineinragt.

Die Bauausführung oblag den Lenzburger Steinmetz- und Maurermeister Michel Meyer und Ulrich Kieser; ihre Meisterzeichen finden sich an den Südportalen.

Auch in der Folge kam es zu Neuerungen: Der Turm erhielt eine Sonnenuhr, 1686 wurde ein neuer Glockenstuhl eingebaut. 1760–63 wurden die Empore sowie eine Orgel von Johann Konrad Speisegger mit Rokokoprospekt eingebaut. Zum Schutze der Orgel wurde das westseitige Fenster vermauert. Die bestehende Holzdecke mit einer Stuckdecke ersetzt. Gleichzeitig versah Jacob Mäusburger die Stadtkirche mit einer Stuckdecke im Stil zwischen Régence und Rokoko. 1793–97 erfolgte ein Umbau der Orgel.

Auch im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Kirche verschiedentlich renoviert und umgebaut; dabei wurden glücklicherweise sowohl die Aussenansicht wie die Proportionen des Innenraumes gewahrt.

1837 wurden die Empore erweitert und neue Türen eingesetzt, 1850–51 erfolgte ein weiterer Umbau der Orgel, und die Westfassade wurde neu gestaltet.

1858 erwog der Lenzburger Stadtrat, das Käsbissenturmdach durch eine neue Kirchturmspitze zu ersetzen, und es erfolgten Aufträge für Entwurfszeichnungen und Kostenberechnungen, die dann allerdings nicht weiterverfolgt wurden und in der Versenkung verschwanden.

1903 kam es zu eriner weiteren Renovation der Kirche und zur Neubestuhlung, die Kanzel wurde von der Südwand an die Ostwand versetzt, wo sie sich auch heute noch befindet. Die Stuckdecken wurden mit Rocaille-Kartuschen über den Bogenfenstern zusätzlich geschmückt.

Seit 1938 schmücken links und rechts der Kanzel Glasmalereien des Künstlers Paul Zehnder die beiden Fenster links und recht neben der Kanzel.

1950/51 wurde eine umfassende Gesamtrenovation der Kirche gemacht. Dabei wurden zahlreiche Zusätze im Äusseren und Inneren geschaffen: so ein neuer Westgiebel, Pultdächer über den Eingängen und Ersetzen der Bodenplatten, Ergänzungen der Wandtäfelung unter der Empore und neue Beleuchtung.

Fünfzig Jahre später, 1990/91, fand die letzte umfassende Renovation der Stadtkirche Lenzburg statt.




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