Reformierte Kirchen im Aargau

Ein Projekt der Refomierten Landeskirche Aargau
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Mandach
Ein entschiedenes Zeichen von 1962 gegen historisch bedingten Separatismus: Eine Bankreihe statt zwei getrennter Bankreihen für Mandacher und Hottwiler

Vom Krieg mit Kämmen, wundersamen Entdeckungen in Blau, grauem Langohr und grossem Mausohr

 

Hottwilerinnen und Mandacherinnen – Krieg der Bankreihen mit Worten und Kämmen


Bis ins 20. Jahrhundert hinein hatte die Kirche Mandach zwei Bankreihen. Die rechte war für die Mandacher, die linke für die Hottwiler reserviert. Diese lokale Trennung im Kirchenraum widerspiegelt das damalige Verhältnis zwischen den beiden Dörfern. Eine Atmosphäre von Neid und Missgunst herrschte vonseiten des minderbegüterten Mandach gegenüber dem wohlhabenden Hottwil. Wie weit diese feindselige Stimmung die Menschen prägte, zeigt die folgende Begebenheit aus dem 19. Jahrhundert (aus dem Chorgerichtsmanual 18151849).

Es war im Februar und März des Jahres 1846. Am Sonntag fand nach dem Gottesdienst jeweils die Kinderunterweisung in der Kirche statt. Die unterrichteten Kinder sassen alle in der rechten Bankreihe, traditionell für die Bewohner Mandachs reserviert. Die Mädchen in den hinteren Reihen hatten wohl nicht viel Interesse an dem, was vorne auf der Kanzel erzählt wurde und unterhielten sich über andere Dinge. Pfarrer Bosshard, dem die Unruhe mit der Zeit zu bunt wurde, wies die hinteren Mädchen deshalb an, sich auf die linke Seite in die vorderen Reihen der Hottwiler Bänke zu setzen. Diese Plätze waren der Kanzel näher und deshalb besser zu beaufsichtigen. Die Hottwilerinnen leisteten der Anordnung sofort Folge, die Mandacherinnen weigerten sich hingegen mit Händen und Füssen. In der folgenden Woche nahmen der Pfarrer und der Sigrist die Mädchen einzeln ins Gebet und baten sie, am nächsten Sonntag von Anfang auf den angezeigten Plätzen zu sitzen. Nur ein Mädchen, das weit ausserhalb des Dorfes wohnte, wurde nicht ermahnt.

Am betreffenden Sonntag betrat der Pfarrer die Kirche zur Unterweisung und sah nur eine Mandacherin am verordneten Platz: Es war jene, die nicht ermahnt worden war. Alle anderen weigerten sich nach wie vor, die Hottwiler Bänke zu belegen. Die Situation eskalierte schliesslich, als ein Mandacher Mädchen aufstand und jenes in den Hottwiler Bänken als Verräterin beschimpfte und ihm mit einem Kamm auf den Kopf schlug. Pfarrer Bosshard rief nun das Chorgericht an, das diese Angelegenheit in zwei Sitzungen, am 1. und 12. März, behandelte.

Bei den Befragungen stellte sich heraus, dass der Ungehorsam der Mandacherinnen nicht nur ihrem pubertären Rebellionstrieb entsprungen war, sondern dass viele von ihnen vom Elternhaus, ja sogar von ihrem Schullehrer zum Widerstand gegen die pfarrherrliche Anordnung aufgerufen worden waren. Deswegen verzichtete man auf eine Bestrafung, verpflichtete die Mädchen jedoch abermals zum Gehorsam gegenüber dem Pfarrer. Nachdem das Urteil verkündet worden war, schrien zwei Mädchen dem Chorgericht entgegen, sie würden eher das Dorf verlassen als in die Hottwiler Bänke sitzen.

Die geistige Separation der beiden Dörfer konnte erst im 20. Jahrhundert überwunden werden, nachdem Mandach mit einem beispiellosen Effort seine Landwirtschaft auf Vordermann gebracht und bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zu einer agronomisch produktiven Gemeinde aufgestiegen war: Die Güterregulierung im Jahre 1929 hatte Mandach zu einem Vorzeigedorf gemacht.

Bei der Kirchenrenovation 1962 setzte man schliesslich ein entschiedenes Zeichen und ersetzte die beiden separaten Bankreihen durch eine einzige. Nun symbolisiert die Kirche nicht mehr Konflikt und Trennung, sondern Frieden und Verbundenheit. Es gibt nun nicht mehr Hottwiler und Mandacher – sondern nur noch Gemeindeglieder.


 

Eine unverhoffte Entdeckung in Blau

Eigentlich wollte die Kirchgemeinde Mandach nur ihr Harmonium durch eine Orgel auf der Empore ersetzen, doch statische Untersuchungen ergaben, dass dafür die ganze Empore ersetzt werden müsste. Darauf führte eines zum andern, sodass sich die Kirche im Jahr 1962 in einer Gesamtinnenrenovation befand. Da im Chor der Boden ersetzt werden sollte, führte man dort auch archäologische Untersuchungen durch und stiess erwartungsgemäss auf die Grundmauern der alten Kirche und darüber hinaus auf römische Überreste. Auch im Fenster wurden Untersuchungen angestellt, um die ehemaligen Verzierungen zu erforschen. Der aufsehenerregendste Fund wurde jedoch an einem Ort gemacht, an dem niemand etwas vermutet hätte.

Es war der Abend des 6. August 1962. An diesem Tag waren alle Wände zur Bearbeitung freigegeben worden, da man der Ansicht war, alle wichtigen Forschungen abgeschlossen zu haben. Pfarrer Hans Walter Huppenbauer begab sich nun in die Kirche, weil sich ihm Fragen zu den Raumveränderungen im Jahr 1732/33 stellten. Er erhoffte sich Antworten vom nun offenen Mauerverputz. Da stand er nun und liess seinen Blick den Wänden entlang streifen. Er betrachtete noch einmal die Fenstereinfassungen und die Seitentüre in der Nordwand. Gerade dieser Wand musste er seine volle Aufmerksamkeit schenken, denn seit wenigen Tagen war bekannt, dass diese auf der Wand der alten Kirche basiert. Als sein Blick zwischen zwei Fenstern wechselte, fiel ihm plötzlich ein blauer Fleck auf: Es schien Farbe zu sein. Da blaue Farbe kaum für normale Verzierungen verwendet wurde, meldete er diesen Fund. Bei der Freilegung des Farbflecks stellte sich heraus, dass er Teil eines 2 Meter langen und hohen spätgotischen Freskos war. Es stellte Jesus Christus auf dem Ölberg zusammen mit drei schlafenden Jüngern und Judas dar, der gerade mit Soldaten heranrückt. Es wurde wohl noch vor der Reformation geschaffen und nachher übermalt. Die Wandöffnungen während der Renovation 1962 beschädigten jedoch die untersten 30 Zentimeter derart, dass dieser Teil anhand von analogen Darstellungen in anderen Wandgemälden rekonstruiert werden musste.

Pfarrer Huppenbauer hat mit dem Fresko ein wertvolles Kulturgut entdeckt, und dies ohne jegliche Vorahnung. Er hat damit gezeigt, dass die wertvollsten Dinge häufig jene sind, welche die Menschheit nicht erwartet hat. So wartet vielleicht noch so mancher Schatz in unseren Kirchen auf seine Wiederentdeckung.


 

Die Fledermauskolonie von Mandach – graues Langohr und grosses Mausohr

Die Kirche Mandach ist bekannt für ihre Fledermauskolonie. Im Turm und im Estrich hausen Fledermäuse der beiden Arten «graues Langohr» und«grosses Mausohr». Für erstere handelt es sich hier um die grösste Wochenstube der Schweiz. Die Kirchgemeinde Mandach trifft regelmässig Massnahmen, um seinen tierischen Gästen einen angenehmen Aufenthalt zu gewährleisten. So wurden 2002 der Einflug vereinfacht und 2004 die Unterkunftssituation durch das Aufhängen verschiedener Kasten verbessert.

Wer die Mandacher Fledermäuse beobachten will, begibt sich abends bei Anbruch der Dämmerung nach Mandach. Dann verlassen die Fledermäuse ihr Quartier durch ein kleines Fenster an der Ostseite der Kirche.

Das graue Langohr

Diese Art erreicht eine Rumpflänge von 41 bis 58 mm und fällt durch die grossen Ohren (31 bis 41 Millimeter) und die graue Farbe des Fells auf. Von dieser Art leben etwa 30 Weibchen von Mai bis August in der Mandacher Kirche, wo sie ihre Jungen zur Welt bringen und sie ungefähr 5 Wochen lang säugen.

Das grosse Mausohr

Diese Fledermausart ist in Dachstöcken sehr verbreitet. In Mandach wohnen einzelne Männchen, die dort jedes Jahr ihren Hangplatz aufsuchen und ihn an ihre Nachkommen vererben. Der Platz kann aber selbst durch kleinste Veränderungen zerstört werden. Diese Fledermausart hat eine Rumpflänge von 6,7 bis 7,9 Zentimeter, eine kurze und breite Schnauze sowie lange und breite Ohren.




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