Reformierte Kirchen im Aargau

Ein Projekt der Refomierten Landeskirche Aargau
Stritengässli 10, 5001 Aarau, ag@ref.ch

 

Das Steinreflief von 1529 im Vorraum der Kirche mit den beiden Berner Bären

Die Kirchen- und Baugeschichte

Innerhalb von zwei Jahren nach Einführung der Reformation im Bernischen Hoheitsgebiet wurde in Reinach die erste reformierte Kirche im Aargau erbaut und im Sommer 1529 bereits eingeweiht – in Rekordzeit.

Was war die Vorgeschichte dieser erstaunlich kurzen Bauzeit?

Bis ins 16. Jahrhundert hinein war Reinach mit allen Nachbarsgemeinden im nahe gelegenen Pfeffikon kirchgenössig. Im Februar 1528 beschloss der Berner Rat, in seinem Herrschaftsgebiet den neuen reformierten Glauben einzuführen. Die Reinacher schienen über diesen obrigkeitlichen Entschluss nicht uneingeschränkt glücklich gewesen zu sein, lag doch ihre alte Kirche in Pfeffikon auf Luzerner Boden, und Luzern blieb den alten Glauben treu. Am 14. März 1528 wurde der dortige, altgläubige Pfarrer unter Bernischer Androhung der Amtsenthebung zu den reformierten Glaubensgrundsätzen verpflichtet und gleichzeitig Reinach und Umgebung mit der Pfarrei Gontenschwil vereinigt. Den Luzernern wurde mitgeteilt, man habe «den unsern zů Rhinach, so bißhar in üwren gepiet kilchhörig gewesen, kundt thůn und pieten lassen, das sy sich hinfür gan Gundißwil kilchen recht zu pflägen verfüegint und nach vermog unser reformatz läbind.»

Die Reinacher mussten ab dann in das etwa 4.5 Kilometer entfernten Nachbarort Gontenschwil zur Kirche gehen, worüber sie sich bald beschwerten, worauf der Rat von Bern die Beschwerde bereits im April 1528 mit dem Beschluss beantwortete : «Die von Rinach gan Gundisswyl kilchrecht thun; doch mogen sin ein platz zu Rinach ussgan, da sy predig horen, und mit der zyt ein kilchen da machen.»

Die Kirche Reinach wurde also ausdrücklich für die Reinacher erbaut, und der Bauplatz stand bald fest: auf dem Kapf, der Anhöhe östlich des Dorfes an der damaligen Strasse Richtung Beinwil. Schwieriger gestaltete sich die Finanzierung, denn die Reinacher wiesen darauf hin, dass sie «vil kosten mit der kilchen zu Pfeffiken gehept, ouch vill dahin geben» hätten. Tatsächlich war die dortige Kirche 1524 eingestürzt und die Reinacher mussten sich an den Kosten für den Wiederaufbau beteiligen. Erfolglos versuchten die Berner, von Luzern die ausgerichteten Beiträge zurückzuerhalten. Der Berner Rat beauftragte im Juni 1528 den Seckelmeister, «dero von Rinach halb zu besichtigen, erkunden und ratslagen, wie man inen ze hilf komme mitt der kilchen und predicanten [Pfarrer] Am 8. Juli wurde die Baubewilligung erteilt. Wie weit sich Bern am Neubau finanziell beteiligte, ist nicht bekannt; es scheint nicht besonders viel gewesen zu sein, also waren es die Reinacher selber, die die Hauptlast zu tragen hatten.

Im Winter 1528/29 wurde der Kirchenbau in Angriff genommen. Das Baumaterial wurde aus einem Tuffsteinbruch im nahen Kulm bezogen. Bereits ein halbes Jahr später war der Bau vollendet. Es war die erste von Anfang an reformierte Kirche im Bernbiet.

Es ist wenig verwunderlich, dass der Bau auch explizit gegen die katholisch gebliebenen Luzerner Nachbarschaft und vor allem gegen den starken Einfluss des Chorherrenstifts in Beromünster gerichtet war. Davon zeugt das eindrucksvolle Steinrelief mit der Bauinschrift im jetzigen Vorraum der Kirche: Zwei Berner Bären tragen sie, und der Text – der sich reimt – lautet:

«got zu lob und einem heiligen wortt
hand die heren von bern an disem ort
die kilche nüw uß ursach gebüwen
das sy allein got wollen vertrüwe
und sich abwenden vo papstliche gewalt
tusend fünf hundert nün und zwenzig
man zält 1529»

Der Text richtet sich somit ausdrücklich und kämpferisch gegen Rom – «sich abwenden vo papstliche gewalt» und betont gleichzeitig das reformierte Bekenntnis, wonach Gott allein («Soli Deo Gloria» und «Sola Fide») und dem Wort der Bibel («Sola Scriptura») die Ehre gelten soll:  «got zu lob und einem heiligen wortt».

Unter der Jahreszahl (1529) findet sich auch das Steinmetzzeichen.


Auch in anderen reformierten Orten, so etwa in Aarau und Zofingen, wurde «aufgerüstet» mit eindrucksvoll erneuerten, ausgebauten und erhöhten Glockentürmen. Auch in Windisch war dies der Fall, mit einer zusätzlichen Besonderheit, einer Art sakralarchitektonisches Fernduell gegen die ungeliebte Glaubenskonkurrenz und zwar ebenfalls mit dem Berner Bär: «Als spöttische Zugabe erscheint am Windischer Turm die farbig bemalte Steinstatue eines mit Hellebarde und Schwert bewaffneten Berner Bären, der gegen das katholische Baden die Zunge herausstreckt.»

Grundriss, Aufriss und zwei Modelle der Kirche

Die Kirche bestand ursprünglich aus einem rechteckigen Grundriss mit quadratischem Chorturm. Dieser war mit einer quer zum Schiff gerichtete Käsbissenspitze versehen. 

Grundriss (1529)

Aufriss (1529)

Modell der Kirche von 1529: Aussenansicht

Modell der Kirche von 1529: das Innere

1664 wurden an der Kirche Ausbesserungen wegen Einsturzgefahr vollzogen.

Der Chorturm wurde seit 1529 mehrmals baulich verändert. 1664 wurde er, wie auch in Aarau, Zofingen und Windisch, um ein Stockwerk erhöht.

Im Jahre 1776 wurde das Kirchenschiff nach rückwärts erweitert.

1817/18 erfolgte eine Renovation. Die rückwärtige Eingangstüre stammt von 1817.

1904/05 wurde eine Vorhalle angebaut und die Kirche aussen renoviert. Der bis dahin quer zum Schiff gerichtete Käsbissenspitze wurde durch einen Turmabschluss mit Zwiebelhelm ersetzt. Die Spitzbogenfenster am Schiff, die seitlichen Vorzeichen und die Türen entstanden in ihrer heutigen Form auf die Renovation von 1905 zurück.

1925 wurde die Kirche innen renoviert. Der Zustand des Innenraumes ist auf diesen beiden historischen Fotos zu sehen.

Historische Aufnahme der Innenansicht Richtung Chor (vor 1925)

Historische Aufnahme der Innenansicht Richtung Empore und Orgel (vor 1925)

1950-51 wurde das bisherige Geläut von vier auf fünf Glocken erweitert, und der Glockenstuhl wurde erneuert.

1955 entstanden neue Glasmalereien für ein Fenster im Chor für die Fenster im Schiff durch den Künstler Paul Eichenberger aus Beinwil am See.

1966 wurde innen renoviert, und eine neue Orgel wurde eingebaut.

Anlässlich der Aussenrenovation von 1973 wurden auch die Vordächer verändert.

Die letzte Gesamtrenovation erfolgte 2009.


 




Reformierte Kirchen im Aargau

Startseite | Suchen | Übersicht Kirchen