Reformierte Kirchen im Aargau

Ein Projekt der Refomierten Landeskirche Aargau
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Die Legende von der Pfaffenhöhle in Suhr – eine Schauergeschichte aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts

«Zwischen den Jahren 1740 und 1750 ging in Suhr das Gerücht, es führe aus dem Pfarrhaus ein Gang unter der Kirche hindurch zu einem Schatzgewölbe des Kirchberges. Dort hätten Heidenpfaffen [Schimpfname für Priester einer fremden Religion] neben vielen Kostbarkeiten das goldene Kalb verborgen, das sie aus Arabien gebracht haben sollen. Einflussreiche Dorfleute, die ihren Pfarrer nicht sonderlich leiden mochten, stellten den Antrag, nach den vermuteten Reichtümern graben zu lassen. Als die Mehrheit der Ortsbürger zustimmte, fing man gleich mit der Arbeit an. Man begann im Chor der Kirche, wo die Dorfältesten ihre Kirchenstühle hatten, den Boden aufzubrechen. Nach einigem Schaufeln traf man auf eine grosse rohe Steinplatte. Dahinter befand sich ein weiter leerer Raum, und man grub um so eifriger weiter. Der Jubel war gross, als man auf Stufen einer abwärts führenden Steintreppe stiess.
Doch bald erkannte man, dass es sich lediglich um die Treppe zu einem alten Gefängnis handelte, von dem man schon vorher gewusst hatte. Die Berner hatten es während des Bauernkrieges [1653] gegraben und darin die Anführer des Bauernaufstandes aus dem Oberaargau gefangen gehalten. Später wurden die meisten Räume zugeschüttet, einige wenige noch als Notkeller verwendet. So endete denn auch die übriggebliebene Treppe an der Kellerwand des Pfarrhofes. Nun gab man die Suche nach dem goldenen Kalb auf.
Aber wer sollte die Kosten bezahlen, die Grablöcher zuschütten und den Chorboden neu belegen? Einige im Dorf wollten die Berner dafür verantwortlich machen, deren Reiter vor vielen Jahren in der Gemeinde geplündert, gemordet und Gefängnisse gegraben hatten. Andere meinten, die unterirdischen Gänge stammten von den Heidenpriestern, die hier gewohnt hatten. Jedenfalls mussten die Ortspfarrer von den Gängen und Höhlen gewusst haben. Darum beschloss die Gemeindeversammlung kurzerhand, der damalige Pfarrer Rufli müsse die Grabungsstelle auf eigene Kosten zuschütten und vermauern lassen. Um des Friedens willen fügte sich schliesslich der gute Mann.

Aus: Josef Geissmann / Andrea John / Heinz Erismann, Menschen – Geister – Fabeltiere: Aargauer sagen, Anekdoten und historische Texte, Aarau 1991, S. 173f.




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