Reformierte Kirchen im Aargau

Ein Projekt der Refomierten Landeskirche Aargau
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Unterkulm
Kirchengrundriss mit Bauphasen
Architekt Reto Müller, Unterkulm, 2001

Kirchengeschichte und Patrozinium

Die ältesten Siedlungsspuren auf dem Gebiet, auf welchem später die Kirche und der Friedhof in Unterkulm zu stehen kamen, gehen auf die römische Zeit zurück. Der 1045 erstmals belegte Ortsname Kulm (Chulenbare) hat seine Wurzeln denn auch im lateinischen columbarium (Taubenschlag). Zwischen der Urpfarrei Suhr und dem alten Kirchendorf Pfeffingen LU im oberen Wynental ist die Pfarrei Kulm die älteste im Wynental. Der grosse Sprengel (kirchlicher Amtsbezirk) umfasst noch heute die Gemeinden Unterkulm, Oberkulm und Teufenthal; bis 1614 war zudem Dürrenäsch nach Kulm kirchgenössig.

Das Patronatsrecht (es umfasst das Vorschlagsrecht für die Besetzung der Pfarrstelle, aber auch die Pflicht, die Baulasten zu tragen) lag bis um die Mitte des 14. Jahrhunderts bei den Grafen von Tierstein-Pfeffingen. Danach sind die Patronatsverhältnisse unübersichtlich. 1478 verkauften ihn die bernischen Herren von Mülinen an das Stift Beromünster. 1490 gelangte das Patronatsrecht an das Chorherrenstift Zofingen und von diesem 1528 mit der Reformation an Bern. An der «Berner Disputation», den Glaubensgesprächen, die im Januar 1528 in Bern stattfanden und in deren Folge der Stadtstaat Bern die Reformation in seinem ganzen Gebiet für verbindlich erklärte, nahm auch damalige Kulmer Pfarrer Rudolf Kissling teil. Daher ist im Pfarrarchiv eine originale Disputationsschrift erhalten.

1803 ging das Patronatsrecht an den neu gegründeten Kanton Aargau und 1907/1909 beim Pfrundauskauf an die Kirchgemeinde Kulm.

Das Martins-Patrozinium, das häufig in Verbindung mit Kirchen fränkischen Ursprungs steht, deutet auf ein sehr hohes Alter der Kirche. Der hl. Martin von Tour, um 316/317 als Sohn eines heidnischen römischen Beamten in Ungarn geboren, diente ab 331 in der römischen Armee. Eine der bekanntesten Episoden seiner Vita besagt, dass er noch als Soldat vor dem Stadttor von Amiens seinen Mantel mit einem Bettler teilte. Nach dem Verlassen der Armee liess sich Martin taufen und wurde Schüler des Hilarius von Poitiers. Später gründete er ein Kloster und wurde nach verschiedenen Missionsreisen Bischof von Tours; er starb im November 397 (Jahrestag 11. November). Der hl. Martin wurde Patron des merowingischen Königshauses sowie des Fränkischen Reichs und später Patron unzähliger Kirchen.

Die frühesten archäologisch nachgewiesenen Kirchen in der Umgebung von Unterkulm sind jene in Zofingen (um 600, Patrozinium St. Mauritius) sowie in Schöftland (Mitte 7. Jh., Patrozinium St. Petrus). Wann die erste Kirche Unterkulms erbaut wurde, ist nicht bekannt; 1275 erwähnen die Quellen erstmals einen Leutpriester.

Baugeschichte

Schnitt durch das Kirchenschiff und die unteren Turmgeschosse
Architekt Reto Müller, 2000

Die heutigen Erkenntnisse zur Baugeschichte der Kirche Unterkulm beruhen auf den Beobachtungen von Hans Rudolf Sennhauser und Werner Stöckli anlässlich der Gesamtrenovierung von 1967/68. Damals wurde das Kircheninnere vollständig ausgeräumt, der Verputz des Schiffs innen und aussen abgeschlagen und das Bodenniveau im Inneren um 50 cm bis auf den untersten Kalkmörtelböden abgetieft. Weitergehende archäologische Grabungen unterblieben jedoch. Immerhin konnten ergiebige bauarchäologische Sondierungen vorgenommen werden. Aus ihnen geht hervor, dass das Gotteshaus im Wesentlichen in drei Bauphasen entstand (s. Grundriss mit Bauphasen).


Der früheste fassbare Kirchenbau

Die erste, noch turmlose Saalkirche umfasste fast das ganze Mauergeviert (Lichtmasse 15,2 x 8,7 m), das sich im heutigen Kirchenschiff erhalten hat. Der gerade Abschluss des in Schiffsbreite angelegten Chors befand sich vor dem Eingang zum heutigen Turmerdgeschoss. Nachgewiesen wurden die Fundamente einer Chorschranke und einer den Schiffswänden entlang laufenden Steinbank. Dieser früheste fassbare Kirchenbau gehörte der Romanik an und wird in das 12. Jahrhundert datiert.

Spätromanische und frühgotische Erweiterungen

Im 13. Jahrhundert wurde die romanische Saalkirche um etwa 5 Meter nach Osten verlängert und erhielt vermutlich wiederum geraden Abschluss. Die alte Ostmauer wurde beseitigt, und der gewonnene Raum dürfte den neuen Chor beherbergt haben. An dessen Südseite entstand gleichzeitig, leicht einspringend, der noch vorhandene Glockenturm. Er wurde mit dreibogigen spätromanischen Schallöffnungen ausgestattet, reichte damals also bis zum Gurtgesims unterhalb des bestehenden Uhrengeschosses. Diese Kirchenerweiterung geschah offenbar in der Folge einer Feuerbrunst, die an Mauerwerk und Verputz der romanischen Saalkirche Brandspuren hinterlassen hat.

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts fügte man auf der Ostseite einen um Mauerstärke eingezogenen, beinahe quadratischen Chor mit Kreuzgewölbe an und liess ihn mit einem hochkarätigen Freskenzyklus ausschmücken. Wenig später kam in einer Nische des nördlichen Chorbogens ein Kreuzigungsfresko hinzu. – Für dieses Gotteshaus wurde der noch vorhandene Taufstein geschaffen.

Umbauten und Umgestaltungen im 16. und 17. Jahrhundert

Gegen 1500 wurde der Glockenturm um das Uhrengeschoss und das steile Käsbissendach aufgestockt; gleichzeitig vermauerte man die Drillingsöffnungen bis auf schmale Scharten.

Der Glockenturm. Über dem Gurtgesims setzt der gegen 1500 hinzugefügte Turmabschluss an
Foto EH 2014

Seither blieb die äussere Erscheinung des Gotteshauses im Wesentlichen unverändert. Im Kircheninneren kam es über die Jahrhunderte immer wieder zu Umgestaltungen und Modernisierungen.

Die im Bernbiet 1528 eingeführte Reformation bedeutete für die Unterkulmer Kirche ein einschneidendes Ereignis. Die nun überflüssigen Altäre mussten weichen. An ihre Stelle trat eine Kanzel, und der Taufstein erhielt seinen Platz im Chor. Dessen Ausmalung wurde übertüncht, wobei man die Malereien durch Pickelhiebe aufraute, damit Verputz und Tünche besser hafteten.

1530 bestellte die nun reformierte Kirchgemeinde bei Uhrmachermeister Laurentius Liechti in Winterthur eine Turmuhr, die noch heute ihren Dienst tut. Dank der ab 1563 fast vollständig erhaltenen Kirchenrechnungen sind wir über eine Vielzahl von baulichen Massnahmen und Reparaturarbeiten unterrichtet (dazu umfassend Stückelberger/Gautschi 1971, nach Aufzeichnungen früherer Pfarrherren).

Grössere Renovierungen erfolgten demnach im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts. Beide Eingänge ins Kirchenschiff besassen 1572/73 bereits Vordächer; ebenso existierte schon damals eine Empore. 1573–1575 wurden die Holzböden und Gestühle im Schiff, im Chor sowie auf den Emporen erneuert. 1576 errichtete Mathias Büelmann, Zimmermann von Zofingen, einen neuen, steileren Dachstuhl, der mit 15'400 Ziegeln gedeckt wurde.

Dachstuhl über dem Kirchenschiff (1576) mit nachträglich eingefügten Hängesäulen. Der «Gupf» im Hintergrund ist die Kuppel des Chorgewölbes
Foto EH 2014

1579 wurde die Sonnenuhr am zuvor frisch verputzten Turm neu aufgemalt. Im gleichen Jahr schenkten Bernhard von Wattenwyl, Landvogt der Grafschaft Lenzburg, und Anton von Luternau, Herr auf Schloss Liebegg, der Kirche Glasgemälde, die von einem Brugger Glasmaler angefertigt wurden. Drei weitere Scheibenstiftungen erfolgten 1598, 1610 und 1643.

1580 wurden «die Gottskästen bschlüssig gmacht»; man versah also die Opferstöcke mit Schlössern. 1585 verfertigte der Lenzburger Steinmetz Antoni Frymund für die im Turmerdgeschoss eingerichtete Sakristei ein steinernes Türgewände. Zum Abschluss der seit 1571 andauernden Renovierungsarbeiten stiftete der neue Landvogt Hans Weyermann 1584 die beiden heute noch verwendeten Abendmahlskelche.

1602/03 liess der Lenzburger Landvogt Franz Güder (s. Wappenscheibe Hans und Franz Güder) die wohl infolge Hagelschlags zerstörten Kirchenfenster neu verglasen. Um das Erdgeschoss des Glockenturms als feuersicheres Archiv nutzen zu können, wurde es 1641 mit einem Tonnengewölbe versehen, 1643 mit einer eisenbeschlagenen Tür gesichert und mit einer Archivtruhe ausgestattet – das Archiv ist längst aufgehoben, doch die schwere Truhe steht noch heute im Erdgeschoss des Glockenturms.

Blick in das 1967 aufgehobene Pfarrarchiv im Turmerdgeschoss mit eisenbeschlagener Tür und ebensolcher Archivtruhe
Foto von 1971

Ebenfalls 1641 fertigte Tischmacher Lienhard Jüpply aus Zofingen eine neue Kanzel an; gleichzeitig erhielt das Kirchenschiff eine neue Decke. Den Abschluss dieser Renovierung bildeten 1643 Scheibenschenkungen der Bernischen Obrigkeit.

Um der wachsenden Bevölkerung Platz zu bieten, wurde Ende des 17. Jahrhunderts die Westempore vergrössert und der Südwand entlang eine zweite Empore errichtet; für letztere wurde oberhalb des bestehenden Nebeneingangs eine Türöffnung ausgebrochen.

1716–1719 wurden im Schiff drei Fenster vergrössert, zwei kleinere Fensteröffnungen erhielten Steinrahmen. Die etwa 30 Jahre zuvor erstellte Südempore machte einer kleineren Empore am Turm Platz, die bis 1967 bestand und via Läutertür den Zugang zu den Turmobergeschossen gewährleistete.
Vor der Eingangsfront entstand 1740 eine fassadenübergreifende Mansarddach-Vorhalle zum Schutz des Hauptportals und der beiden Aussenaufgänge zur Empore. 1747 wurden für das Turmdach einige Hundert glasierte Ziegel angeschafft (1967 entfernt). 1770 erweiterte man die Turmuhr für den Viertelstundenschlag um ein Schlagwerk; gleichzeitig erhielten die Zifferblätter neue, vergoldete Blechzeiger, die an der Spitze eine weisende Hand und gegenüber einen Viertelmond aufwiesen. Die vier 1931 abgenommenen Zeiger befinden sich noch auf dem Dachboden der Kirche.

Enden der von 1770 bis 1931 verwendeten Blechzeiger
Foto EH 2014

1789–1791 erfolgte die Verstärkung der Dachkonstruktion über dem Kirchenschiff mit einem Hängewerk. Den Eingang beim Turm stattete man 1794 mit einem neuen Vordach aus. 1817 wurde auf der Empore erstmals eine Orgel aufgestellt; ihr Prospekt ist noch immer vorhanden, während das Werk unterdessen mehrmals erneuert wurde (1912 durch die Orgelbaufirma Goll, Luzern; 1968 durch die Orgelbaufirma Metzler, Dietikon).

1859 liess die Kirchgemeinde das Schiff durch Zimmermeister Daniel Gloor aus Seon gründlich sanieren und einheitliche Fensteröffnungen einbauen. Ein Baufonds zwecks Erweiterung oder Neubau der Kirche war seit 1844 geäufnet worden, doch nahm man davon – wie auch von den Renovierungsplänen des Hochbaumeisters Karl Ferdinand Rothpletz – 1859 Abstand. 1860/61 wurde das Geläut komplettiert. 1869 veranlasste der für den Chorunterhalt verantwortliche Staat die Vergrösserung zweier Chorfenster, was zu beträchtlichen Schäden an den übertünchten Fresken führte. 1872 schaffte man die noch existierende Wetterfahne an.

Kohlezeichnung von 1840
aus: J. J. Siegrist, Die Gemeinde Unterkulm und das Kirchspiel Kulm, Aarau 1957

Die Kohlezeichnung aus dem Jahr 1840 zeigt links die Unterkulmer Kirche, an deren Nordseite die vielen unterschiedlichen Fensteröffnungen auffallen; hinter der Kirche an der Hauptstrasse das Gemeindehaus, am rechten Bildrand das Bezirksgebäude von 1834 (1991 abgebrochen und rückwärtig durch einen Neubau ersetzt), dahinter das Gasthaus Zur Sonne.

Anlässlich der Renovierung von 1901 kamen die Fresken zum Vorschein. Sie wurden aber mit dekorativen Blattmustern und aufgemalten Steinquadern übermalt (1931 erneut überstrichen), bevor fachgerechte Untersuchungen vorgenommen werden konnten. Ebenfalls 1901 wurde die Eingangsfassade von Architekt August Stamm (1858–1917) in ein modisches neugotisches Kleid gehüllt. Dieses fiel bald in Ungnade und wurde 1931 mit Ausnahme des Portalgewändes und der Masswerkrosette entfernt, um erneut einem Vorbau mit Mansarddach und zwei Emporenaufgängen Platz zu machen. Der Glockenturm erhielt nun einen direkten Zugang über das Vordach des Seiteneingangs.

Die Giebelbekrönung mit der Jahreszahl «1900» und die Kreuzblume sind die einzigen übriggebliebenen Teile der neugotischen Fassadenzier von 1900/01. Sie werden auf dem Dachboden der Kirche verwahrt.

Die Reste der neugotischen Fassadenzier auf dem Dachboden der Kirche
Foto EH 2014


Die jüngsten Sanierungsmassnahmen

Die umfassende Kirchensanierung von 1967/68 brachte die kostbare Chorausmalung endgültig wieder ans Licht (Architekten Zschokke + Riklin, Denkmalpfleger Peter Felder). Die Restaurierung der Fresken erfolgte durch Wilhelm Kress, Brugg, unter beratender Mitwirkung von Hans A. Fischer, Bern.

Prägend für die äussere Erscheinung des Gotteshauses war die Freilegung der zugemauerten spätromanischen Schallöffnungen, die sich im fünften Geschoss des Glockenturms erhalten hatten. Die Schiffwestfassade wurde mittels eines Pultdach-Vorbaus und eines neuen Portals umgestaltet. Über dem Seiteneingang kam ein romanisches Fenster zum Vorschein. Im Innenraum verlegte man den Fussboden aus norwegischen Quarzitplatten auf eine Betonunterlage mit elektrischer Bodenheizung. Die neue Leistendecke wurde auf der angestammten Höhe eingezogen. Unter der erneuerten Orgelempore fand ein Windfang Platz. Der weiss gestrichene neue Verputz wurde bis zum Fussboden hinuntergezogen. Die vorher im mittleren Chorfenster versammelten sieben Wappenscheiben verteilte man auf vier Schiffsfenster, wo sie nach der Sanierung 1995 mit einer fachgerechten Hinterlüftung wieder montiert wurden.

1999/2000 fand unter der Leitung des einheimischen Architekten Reto Müller eine Gesamtrestaurierung statt. Begleitet wurde die von Barbara Bühler, Adjunktin Denkmalpflege. Die konservierenden Massnahmen an den Fresken wie Sicherung und Reinigung der Malschicht und Einfärbung der Fehlstellen erfolgten durch Restaurator Bruno Häusel, Rheinfelden.




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