Reformierte Kirchen im Aargau

Ein Projekt der Refomierten Landeskirche Aargau
Stritengässli 10, 5001 Aarau, ag@ref.ch

 

Der gegenüber dem Schiff um acht Stufen erhöhte Chor

Der Chor

Der Chor der Stadtkirche Zofingen, der über acht Stufen und durch einen spitzbogigen Chorbogen betreten wird, verfügt über mehrere Highlights, so vor allem ein grossartiges Sterngewölbe und kostbare gotische Glasmalereien.

Das Sterngewölbe – so benannt nach der sternförmigen Organisation des Gewölbes – präsentiert sich zweijochig und unterteilt sich in einen Vorchor, der fast quadratische Masse hat, und im Chorhaupt, das den Chor im Osten mit drei Seiten eines Achtecks abschliesst. Das Gewölbe im Chorhaupt zeigt einen (erweiterten) achteckigen Stern, dasjenige im Vorchor einen viereckigen Stern.


Schema des Sterngewölbes im Chor
Sehr gut erkennbar in diesem Ausschnitt des Grundrisses ist auch die leichte Neigung des Chores nach rechts bzw. Osten.



Beide Teile des Chorsterngewölbes auf einen Blick

Die Rippen des Gewölbes kreuzen sich in bemalten Schlusssteinen. Die Medaillons im Vorchor zeigen je ein Wappen von Bern, Stadt und Stift Zofingen, im Chorhaupt den Reichsadler, den hl. Mauritius und die vier Evangelistensymbole.


Medaillon mit dem Wappen vom Stift Zofingen


Medaillon mit dem Symbol für den Evangelisten Markus: der geflügelte, mit einem Goldnimbus und einem Spruchband mit dem Namen des Evangelisten versehene Löwe


Der zentrale Schlussstein zeigt eine prachtvolle Darstellung eines «Agnus Dei» (das «Lamm Gottes») mit goldenem Kreuznimbus, der auf Christus verweist, einem goldenen Becher, in den das Blut des Lammes strömt, und der Kreuzfahne, das das Lamm mit seinem rechten Vorderbein umfasst.



Der zentrale Schlussstein im Zentrum des sechseckigen Stern des Chorhauptsterngewölbes


Detailaufnahme des zentralen Schlusssteines mit dem «Agnus Dei»


Die spitzwinkligen Bereiche zwischen den Sternrippen sind mit kunstvollen floralen Mustern in Grautönen bemalt, während die Rippenverbindungen farbig erscheinen.


Die farbigen Rippenverbindungen
Foto Barbara Tobler


Die Chorfenster enthalten einen gotischen Passionszyklus aus der Zeit um 1400.



Das spätgotische Chorgestühl unter dem Passionszyklus im zentralen Chorfenster

Aus vorreformatorischer Zeit, um 1518, stammt der zentral platzierte dreiteiliges Chorgestühl aus Holz mit kunstvollen figürlichen und dekorativen Flachschnitzereien. Das mittleren Segment in der Frontansicht zeigt ein «Memento mori»: In typischer Barockmanier erscheint hier ein von allerlei Gewürm benagtes Skelett. Über diese Darstellung ist im Band «Kunstdenkmäler der Schweiz» von 1948 so plastisch wie drastisch nachzulesen: «Um ein von Würmern benagten stehenden Leichnam flattert in gedärmartiger Verschlingung ein Spruchband.» Darauf ist in Minuskeln und stark verkürzt zu lesen:  «o moensch nim war din leben ist vf erd nut daz betracht mit flis du bist der wurmer spis.» Die barocke Weltsicht bzw. die drastisch-makabre Kehrseite von irdischer Opulenz und Sinnenfreudigkeit!



«Memento mori»-Darstellung in der Mitte der Vorderseite des Chorgestühls

An der nördlichen Innenwand des Chors hängt eine prunkvolle Stiftertafel mit Namen und Wappen derjenigen Bürger, die sich an den Kosten der Erneuerungsarbeiten von 1630/31 beteiligt hatten. Sie wurde wie die Kanzel von Lienhart Jüppli angefertigt und stammt aus dem Jahr 1631. Bemalt wurde die Stiftertafel von Johann Ulrich Fisch II. 1613–86 aus der bekannten Maler- und Glasmalermeister-Familie Fisch, die in Aarau und Brugg tätig war.



Die Stiftertafel der Sponsoren von 1630/31


Als moderner Akzent befindet sich im Chor auch eine Skulptur der in Zofingen geborenen Künstlerin Charlotte Germann-Jahn (1921–1988). Sie zeigt eine Jakobsleiter nach Genesis 28,11-12, in einer eigenwilligen Interpretation von 1968: Da die Skulptur aus Cristallina-Marmor (dem einzigen in der Schweiz abgebauten Marmor) in drei Stücke gebrochen war, fügte die Künstlerin sie mittels Metallstäben wieder zusammen. So erscheint diese Jakobsleiter als nicht nur durchbrochen, sondern als gewissermassen gebrochen – eine Sicht, die sicher gut ins 20. Jahrhundert passt. Eine ähnliche, allerdings monumentale  und unzerbrochene –«Jakobsleiter» der Künstlerin aus dem gleichen Jahr ist vor dem Schulhaus Reckholdern in Romanshorn am Bodensee zu sehen. Von Charlotte Germann-Jahn stammt auch der grosse «Engel mit Harfe» von 1953 auf dem Friedhof Bergli in Zofingen.



Charlotte Germann-Jahns Inpretation der «Jakobsleiter» von 1968






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